Markt 4
Das ehem. Hospital zum hl. Geist
Die Krankenhäuser hatten in alter Zeit im nordwestdeutschen Raum fast überall den gleichen Namen: Hospital (oder „Gasthaus“) zum hl. Geist. Sie lagen mitten in der Stadt und waren zugleich auch Altersheime und Herbergen. Nur die mit ansteckenden Krankheiten – mit Pest, Pocken und Lepra Behafteten hatten ihre Häuser draußen vor den Toren der Stadt und hießen deshalb Aussätzige. So war das auch in Kempen.
Das hl.Geist-Hospital lag am Markt gegenüber dem Rathaus, direkt neben Markt Nr. 5, Wand an Wand.
- ■ Gebaut vermutlich um das Ende des 14. Jh.
- ■ 1373 als "großes Weinhaus" von Pilgrim von Bonn, einem Ürdinger Bierbrauer, erworben. Vorgesehen als Gasthaus, "Hospital" (von lat. hospitalis = gastfreundlich) für arme Personen. Von diesem wurde es
- ■ 1390 von Kempener Bürgern (vornehmlich von Johann Arnold von Broichhausen) gekauft und in eine Stiftung für arme, kranke, geplagte Leute, Pilger und Obdachlose überführt.
"Johann Arnold von Broichhausen, Kempener Bürger und Ministerialbeamter des Kölner Erzbischofs, verfügte in seinem Testament im Jahre 1390 eine für die Stadt Kempen wichtige Stiftung, die aber noch nicht öffentlich bekannt wurde. Er wünschte in Kempen die Einrichtung eines „Gasthauses“, ein „Hospital zum Heiligen Geist“.
- Diese Stiftung wurde im Jahre 1410 von seinen Söhnen im Sinne ihres Vaters erweitert. Die Stiftung sollte armen Kempener Bürgern zeitlebens und unentgeltlich Wohnung und Pflege geben."
- ■ 1410 wird der Bau der Kapelle erstmals urkundlich erwähnt. Sie war aber noch nicht geweiht. Der Kapellenbau wurde direkt anschließend an das Hospital der damals prosperierenden Stadt erbaut in klaren gotischen Formen als einschiffiger Hallenbau mit drei Jochen.
- ■ Erst am 9. Januar 1411 erfolgte die Weihe durch Papst Johannes XXII in Bologna.
- Ob die "Kapelle" auch zuvor geistlich genutzt wurde, ist nicht bekannt. Ein Altar war jedoch bereits vorhanden. Die Kapellenwände waren ausgestattet mit einem
- ■ 1421 angefertigten Wandbild, welches das Jüngste Gericht darstellte, und weitere sakrale Wandmalereien (die durch eine später eingelassen Türe um 1820 unterbrochen wurde); ob sie durch die Stiftungsgründer in Auftrag gegeben wurden ist nicht belegt.
- ■ Im gleichen Jahr, am 21. Juli, wurde die Weihe vom Kölner Erzbischof Dietrich von Moers erneut bestätigt und genehmigt. Danach gilt das Jahr 1390 als Stiftungsjahr, das Jahr 1421 als Gründungsjahr des „Hospitals zum Heiligen Geist“.
- ■ 1421 wird das Kempener Hospital durch die Söhne Broichhausens, Hermann und Arnold, als "Gasthaus zum Heiligen Geist zum Unterhalt armer Kempener, die dort unter Leitung eines Gasthausmeisters und von Provisoren zeitlebens kostenlos Wohnung und Pflege finden sollten" gegründet und somit weiter geführt.
- ■ 1459 erfuhren die Hospitalhäuser, die - mit Ausnahme des Kapellenbaus an der Marktseite - im südlichen Bereich lagen, eine weitere Vergrößerung durch den Ankauf des Nachbarhauses, östlich direkt neben der Kapelle gelegen. An dessen Stelle wurde das Giebelhaus für den Rektor der Hospitalkapelle gebaut (heute bekannt als Haus Weinforth-Hüsken) erkennbar am aufgemauerten Giebelkreuz. Es ist mit seiner Ziegelfassade, hinter der die übrigen Wände aus Fachwerk bestehen, heute das älteste mit einem Steingiebel versehene Wohnhaus der Stadt.
- Weitere Anbauten entstanden in Erweiterung des Innenhofes zwischen Rektorhaus und Hospital - bis zur Josefstraße hin. (Heute Heilig-Geist-Straße)
- ■ Rund 165 Jahre später, 1624, vermachte der Schloßmacher (Schmied) Nikolaus Halver dem 1612 gegründeten Venloer Franziskanerorden sein Haus in der Peterstraße. (Auch als "Halver Haus" beschrieben, bei Fr. Weinforth in "Campunni", als "halbes" Haus) Den Venloer Ordensbrüdern erschien das Gebäude in der Peterstraße, das an das Hospital grenzte, jedoch zu klein für einen Konvent und sie lehnten das Vermächtnis des Schloßmachers ab. Daraufhin bezog der Mönch Laurentius mit einem weiteren Mönch, Bruder Adam Lammersdorf, das Halver Haus in der Peterstraße. Auch Pater Laurentius war das Haus des Schmieds jedoch bald zu klein und für die Bedürfnisse eines Ordensbetriebs ungeeignet. Die Observanten veräußerten das Haus in der Peterstraße wieder. (Ob es sich bei der Beschreibung um das ehemalige Rektorenhaus oder um ein weiteres Gebäude gehandelt hat, bedarf noch der Klärung.)
- ■ Zwischen 1624 und 1631, während der Gründungsphase des Kempener Franziskanerklosters nutzten die Observanten die Kapelle als Gebetshaus.
- ■ Das Hospital versah unter der Aufsicht von zwei Provisoren seinen mildtätigen Dienst noch bis 1808. Das Hospital selbst wurde in ein neueres Haus in die Oelstraße, dem späteren Marienheim, verlegt, nachdem im Jahre 1801 der damalige französische Präfekt der verwaltenden Bürgerkommission aufgetragen hatte, ein Krankenhaus zu errichten. 1867 zog es abermals um - in die Mülhauser Straße.
- ■ 1827: Nach Aufgabe der sakralen Funktion wurde die Kapelle im 19. Jahrhundert als Schänke und Hotel mit eingezogener Zwischendecke genutzt. Im oberen Stockwerk befand sich der Speisesaal. Der geplante Abriss der Kapelle konnte gerade noch verhindert werden. Danach war sie Heulager, nach dem ersten Weltkrieg Offizierskasino für belgische Besatzungssoldaten.
- ■ Mitte/Ende 20. Jahrhundert hatte der Friseur Willibald Schumacher hier seinen Salon. Vom damaligen Haupteingang, mittig an der Marktseite der Kapelle aus war linksseitig der Herren- rechts der Damensalon. Von hier aus erreichte man auch das Hinterhaus mit u.a. Waschküche und Zugang zu dem nur knapp 1.80 - 2 Meter breiten Innenhof zwischen der Kapelle und Haus Nr. 5 am Markt. Eine breite Holztreppe führte zu verschiedenen Wohnungen in der ersten Etage. Über dem Friseursalon, im damaligen 1. Stock der Kapelle, wohnte in den 1950er Jahren eine Familie Pietsch. Einige wenige Stufen zum Hinterhaus hinauf, befand sich die Wohnung der Familie Steinke (Buchholz). Lange Jahre hatte die Stadtbibliothek in dem Kapellenraum ihren Platz. Dann wurde die Kapelle mit dem angrenzenden Gebäude als Heimat für zwei Orden genutzt. 1971 findet man die Adresse in der Beilage zum Stadtplan gar unter der Kategorie Gymnastikhallen.
- ■ Seit 1990 wird die Kapelle wieder in ihrer ursprünglichen geistlichen Funktion genutzt. Jedoch fehlten der römisch-katholischen Gemeinde die Mittel, um die Kapelle unterhalten zu können. So entschloss man sich schließlich, das Gebäude behutsam in den Verkaufsraum einer Versandhandlung für christliche Bücher umzuwandeln. Dabei wurde eine Galerie mit Regalwänden eingezogen, die nicht in die Gebäudesubstanz eingreift und jederzeit wieder entfernt werden kann. Der Chorraum wurde bewusst freigehalten, um für Veranstaltungen dienen zu können. Architekt für die Umnutzungsplanung war Gregor Dewey aus Viersen. Der Umbau war 2005 beendet.Buchhandlung. In dem rückwärtigen Gebäude (um 1960 abgerissen und als Neubau errichtet) befinden sich heute Räume der Volkshochschule.
Derzeit steht die alte Kapelle leer. Wie die Rheinische Post Anfang Juni 2014 berichtete, ist ihre zukünftige Nutzung derzeit offen.
Vergleichsfoto: Die Heilig-Geist-Kapelle um 1920 und 2009
Adressbuch Kempen 1898:
- Keuter Josef, Wirt, Hotel
Hotel Keuter am Markt gelegen. Erstes und ältestes Haus am Platze, comfortable Zimmer - Omnibus am Bahnhof. Weinhandlung.
Adressbuch Kempen 1937:
- Ambrosius Jakob, Maurer
- Ambrosius Johann, Maurer
- Güldner Hans, Angestellter
- Horsten Wilhelm, Kaufmann
- Schumacher Willibald, Friseurgeschäft
Verweise auf externe Websites:
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